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2018 Stalinbahn 502

Vom 6. bis 17. September 2018
Über den Polar-Ural
von Europa nach Asien -
Erforschen einer alten Eisenbahntrasse
und der lange Weg durch
ein Überschwemmungsgebiet
Jetzt reisen wir tatsächlich schon zum fünften Mal an die Stalinbahntrasse in Nordwest-Sibirien. Konsequenterweise müsste unsere Stalinbahn-Trilogie jetzt zu einer Pentalogie mutieren; aber das lassen wir dann doch lieber.
 
Ziel der Reise ist die sogenannte "502"-Bahnstrecke. Es ist eigentlich ein Vorprojekt (genau genommen ein Fehlprojekt) zur Stalinbahn. Mit diesem Projekt sollte ab 1947 eine Eisenbahnstrecke nach Nordosten bis zur Mitte des riesigen Ob-Busens verlegt werden, wo zeitgleich ein Hochseehafen gebaut wurde. Das Wasser ist aber dafür zu flach und so war das Hafenprojekt und damit das Bahnprojekt im Januar 1949 "gestorben".
Was von dieser 700 Kilometer langen Trasse durch völlig menschenleeres Gebiet noch übrig ist, wollen wir uns an einem kurzen Abschnitt ansehen.
Doch wie kommen wir dorthin, und vor allem: Wie kommen wir von dort wieder zurück in die Zivilisation?
Diesseits des Urals (also in Europa) liegt die Kohlestadt Workuta. Sie hat die besten Tage schon lange hinter sich. Hier der Blick auf einen ganzen Stadtteil, der bereits vor vielen Jahren aufgegeben wurde.
 
Von Workuta aus starten wir, indem wir mit dem Zug über den Ural fahren. Die "Bahnsteige" des Hauptbahnhofs erfordern mit unserem Gepäck eine gewisse Trittsicherheit.
Das Uralgebirge ist die geographische Trennung zwischen Europa und Asien. Eine Stele erinnert den Zugreisenden daran, dass er jetzt den Erdteil "wechselt".
Für die gut 240 Kilometer lange Strecke benötigt unser Zug 12 Stunden, das sind gerade mal durchschnittlich 20 km/h. Doch es kommt keine Langeweile auf. In unserem Abteil sitzen Lehrer und Eltern einer Schulklasse der "Schule Nummer 23" aus Workuta. Wir erleben die Verwandlung eines Personenwaggons in einen Speisewagen. Spätestens als der Samogon (selbstgebrannter Schnaps) die Runde macht, ist das Eis gebrochen. Trotz unserer spärlichen Russisch-Kenntnisse entwickelt sich eine herzliche, fast schon ausgelassene Stimmung.
Gegen Mitternacht erreichen wir den Haltepunkt Obskaya. Hier zweigt die Bahnstrecke ab, die in das knapp 600 Kilometer entfernte Karskaya auf der Jamal-Halbinsel führt. Die von Gazprom-Konzern betriebene Bahn dient ausschließlich dem Transport von Werksangehörigen und Material für die Gasförderstätten.  
Wir hoffen, von hier einen Transfer auf der parallel verlaufenden Schotterstrecke zu bekommen. Vorher müssen wir uns jedoch für die nächsten fünf Tage mit Lebensmitteln eindecken. Für die Beschaffung von Benzin für unseren Kocher sind wir auf die unkonventionelle Hilfe eines Einheimischen angewiesen.
Wir müssen keine Stunde am Straßenrand warten, da hält auch schon ein LKW. Dessen Fahrer nimmt sich nach kurzer Überzeugungsarbeit unseres Schicksals an. Für das Gepäck ist in der leeren Mulde genügend Platz, wir vier plus Fahrer passen aber nur vorne in die warme Kabine, weil der Beifahrersitz fehlt ...
Mit zunehmender Entfernung wird die Piste immer schlechter. Wir verkeilen uns ineinander, um die heftigen Schaukelbewegungen auszugleichen. Schweigend hocken wir in der Kabine und zählen im Geiste jeden Kilometer, den wir nicht laufen müssen. Der große Kipper ist für eine solche Piste wirklich nicht geeignet. Die Federung ist sicher für eine tonnenschwere Ladung ausgelegt und nicht für ein paar wasserdichte Packsäcke. Jedes Schlagloch, dem der Fahrer nicht ausweichen kann, reißt ihm das Lenkrad aus der Hand – er quittiert das jedes Mal mit einem Kopfschütteln.
Nach gut 30 Kilometern haben wir den Fluss Charbei erreicht. Schon gut, dass wir mit dem LKW diese Brücke nicht passieren müssen. Wir können unser Glück kaum fassen, die Einsatzstelle für unsere Boote so schnell erreicht zu haben.
Die nächste spannende Frage ist: Ist der Wasserstand jetzt am Ende des Sommers ausreichend?
Am nächsten Tag haben wir das Zielgebiet erreicht. Hier kreuzt die "502"-Trasse den Fluss und von hier aus wollen wir in den nächsten beiden Tagen Erkundungen beiderseits des Flusses machen.
Die Trasse ist schnell im Gelände ausgemacht, Schwellen oder gar Schienen brauchen wir aber nicht zu erwarten. Im Vorfeld hat Charly mögliche Objekte wie Gebäude aus Satellitenaufnahmen als GPS-Punkte identifiziert. Ohne diese hätten wir die Artefakte aus der GULag-Zeit nicht finden können.
Die herbstlichen Farben der Tundra berauschen unsere Sinne. Was für ein Privileg, dass wir unsere Erkundungen bei diesem Wetter vorantreiben können.
 
Was man finden kann, ist augenscheinlich(!) nicht mehr viel. Man muss genau hinschauen, auch mal die Vegetation beseitigen, viel kombinieren und dokumentieren. Alles viel Arbeit vor Ort.
 
Aber wir fühlen uns wie Entdecker. Nichts (kein Plastikmüll, keine mutwillige Zerstörung, …) deutet darauf hin, dass in den letzten Jahrzehnten hier Menschen waren.
Unsere Entdeckungen müssen ja vernünftig dokumentiert werden. Erst wollten wir eine Drohne mitnehmen, aber aus Platzgründen verzichteten wir darauf. Jetzt sind die "Luftaufnahmen" auf diese provisorische Weise entstanden. Die Ergebnisse bieten einen echten Mehrwert gegenüber den Aufnahmen aus Augenhöhe.   
Die Ergebnisse unserer zweitägigen Erkundungen hat Charly in einem präzisen Bericht zusammengefasst. Hier ist er: "Feldforschung 502".  
Nach unseren Erkundungen an der Bahntrasse können wir den Fluss, über den wir gekommen sind, nicht zurück zur Straße nehmen. Zu viele Stromschnellen würden uns den Weg versperren. Wir müssen vorwärts, weiter in ein riesiges, uns unbekanntes Überschwemmungsgebiet, in Richtung des großen sibirischen Stroms Ob paddeln. Jetzt im Herbst ist das Wasser zurückgegangen und wir müssen uns gut überlegen, welchem Wasserverlauf wir folgen und welcher uns in eine Sackgasse führt.
Unverhofft treffen wir auf zwei Fischer. Sie geben uns wichtige Tipps, etwas zu trinken und natürlich Fische, so viel wir haben wollen. Mit einem Schlag ist unsere Versorgungslage von "spärlich" auf "opulent" umgeschlagen. Ein ganz neues Lebensgefühl. Getrübt nur durch das plötzlich umgeschlagene Wetter mit regnerischen Sturmböen und einem Loch in einem der Boote, was sich bei der feucht-kalten Witterung nicht flicken lässt.

Abkürzungen durch Landpassagen, wie sie sich auf Satellitenfotos angeboten haben, stellen sich in der Realität als unbegehbar dar. Entweder versinken wir mit dem Gepäck und den Booten in tückischen Sumpfstellen oder die Vegetation erlaubt kein Durchkommen. Nach mehreren Versuchen brechen wir dieses Vorhaben ab. Konsequenz ist ein erheblich längerer Weg durch das Wirrwarr des Mündungsgebietes.  
Gegen Mittag steht die Entscheidung an, ob wir uns an diesem Tag noch die Querung des 1,5 Kilometer breiten Ob-Flusses vornehmen sollen. Der Nieselregen ist nicht das Problem, aber in der Weite des mächtigen Stromes hat der Wind eine Dünung aufkommen lassen, die unsere Boote über die Wellenkämme drückt. Aber wir haben Glück, der Wind steht in unseren Rücken und hilft uns gegen die Strömung des Flusses voran zu kommen.
Völlig entkräftet und ausgekühlt erreichen wir nach der Überquerung die Ortschaft Kharsaim. Von hier soll es eine Busverbindung nach Salechard geben.

Salechard ist bunt und gepflegt und symbolisiert eine strahlende Zukunft. Hier wird mit dem Gas der Jamal-Halbinsel Geld verdient.
Etwas außerhalb der Stadt erinnert eine Original-Lokomotive an die Bahnstrecke "501", die von hier aus nach Osten vorangetrieben wurde. Zum Abschluss unserer Reise laufen wir noch ein paar hundert Meter entlang der aufgelassenen Trasse, die auch nach fast 60 Jahren gut erkennbar ist. Wird dies das letzte Mal gewesen sein, dass wir über marode Schwellen der Stalinbahn gestolpert sind?
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